Am 19. November 2008 gründete der DDB Landesverband NRW e.V. im Rahmen seines Selbsthilfe-Projektes für Migranten in Duisburg - Marxloh eine Selbsthilfegruppe für türkische Mitbürger, die sich künftig einmal im Monat treffen möchte. Um auf die Veranstaltung am Nachmittag aufmerksam zu machen, stand das Diabetes-Info-Mobil bereits am frühen Morgen auf dem Wochenmarkt in Duisburg – Hochfeld, einer Region mit vielen türkisch-stämmigen Einwohnern, und bot interessierten Bürgern kostenlose Blutzuckertests an.
Vor einem Jahr startete der DDB Landesverband NRW e.V. gemeinsam mit dem Bundesverband der Betriebskrankenkassen (BKK) und der Universität Hamburg das Projekt „Migranten und Selbsthilfe“ mit dem Ziel, den Integrationsgedanken in der Diabetiker-Selbsthilfe gemeinsam mit den Betroffenen praktikabel umzusetzen. Die Koordinatorin des Projektes, Carmela Giordano, trug Informationen über bereits bestehende Strukturen oder Einrichtungen, die das gleiche Ziel verfolgen, zusammen und knüpfte wichtige Kontakte, um Migranten im Rahmen der Diabetiker-Selbsthilfe unterstützen zu können. Der Begriff „Selbsthilfe“ existiert im türkischen Wortschatz nicht und ist Menschen mit türkischem Migrationshintergrund daher nicht leicht vermittelbar. Doch mit Hilfe türkisch-stämmiger Ärzte und Diabetesberaterinnen sowie den Mitgliedern des Projekt-Arbeitskreises und kooperativen Institutionen war es nun möglich, türkischen Mitbürgern, die an Diabetes erkrankt sind, in mehreren Städten Nordrhein-Westfalens Informationsmöglichkeiten über ihre Erkrankung anzubieten und Gruppen zu initiieren.
In Duisburg, einer Stadt mit einem hohen Anteil an Migranten in der Bevölkerung, organisierte der DDB nicht nur eine Informationsveranstaltung im Stadtteil Marxloh, sondern bot am Vormittag auf dem Wochenmarkt im Stadtteil Hochfeld mit dem Diabetes-Info-Mobil kostenlose Blutzuckertests an. Unterstützt wurde die gesamte Aktion von der Novitas Vereinigte BKK, die das Projekt auf regionaler Ebene fördert. Weitere Wochenmarkt-Aktionen im Raum Duisburg sind für den Monat Dezember bereits geplant. Die Räumlichkeiten für das Gründungstreffen der Selbsthilfegruppe in Marxloh wurden von der AWO-Integrations gGmbH zur Verfügung gestellt.
Der Wochenmarkt war gut besucht, und die Nachfrage nach den Blutzuckertests nahm kein Ende, so dass Susanne Piotrowski, die Betreuerin des Diabetes-Info-Mobils, und ihre Dolmetscherin alle Hände voll zu tun hatten, die lange Warteschlange zu bewältigen. 69 Personen, mehrheitlich Frauen, wurden an diesem Vormittag in Hochfeld getestet, die meisten von ihnen mit türkischer Herkunft. In vielen Fällen waren zudem Beratungsgespräche notwendig. Einer Person musste geraten werden, umgehend einen Arzt aufzusuchen, da die Werte auf einen bisher unentdeckten Diabetes Mellitus hinwiesen. Aber auch Diabetiker ließen sich testen und beraten. Dabei fiel auf, dass nahezu die Hälfte von ihnen einen schlecht eingestellten Blutzucker hatten. Auffallend war, dass viele der schlecht eingestellten Diabetiker ihre Therapievorgaben, beispielsweise eine Tabletteneinnahme, nicht immer einhielten. Oftmals war diesen Menschen sogar bewusst, dass ihre Blutzuckerwerte schlecht waren. Aber nicht nur der Blutzucker gab Anlass zur Sorge. Als weit problematischer stellten sich die BMI-Werte dar. Bei der Hälfte aller getesteten Personen war der Wert höher als 30 und lag damit im adipösen Bereich, bei 10 Prozent sogar bei über 40, einer bereits sehr hohen Stufe von Adipositas.
Was die Ursache nicht eingehaltener Therapievorgaben betrifft, so wusste Dr. Selahattin Günay, Diabetologe aus Gelsenkirchen, eine Antwort: Viele türkische Diabetikerinnen und Diabetiker, haben – sofern sie nicht einer regelmäßigen Arbeit nachgehen – aufgrund alter Traditionen und religiöser Riten, nach denen sie leben, einen Tagesablauf, der sich erheblich von dem deutscher Mitbürger unterscheidet und somit oft nur schwer mit den Therapievorgaben des Arztes vereinbaren lässt. Deutsche Ärzte können das, so Dr. Günay, oftmals schwer nachempfinden. Hier muss die Therapie im Hinblick auf die Lebensgewohnheiten der Betroffenen umgestellt und mit Nachdruck vermittelt werden. Was das Problem des Übergewichts betrifft, so haben Dr. Günay und seine Diabetesberaterin Ayse Ünal die Erkenntnis gewonnen, dass hiervon zumeist türkische Frauen betroffen sind. Wenn Vertrauen aufgebaut werden kann, werden beispielsweise Nordic-Walking-Gruppen, in denen sie unter sich bleiben können, sogar wohlwollend angenommen. Noch fehlt jedoch ein ausreichendes Angebot. Aber auch hier ist der DDB Landesverband am Ball.
Nach der Wochenmarktaktion hielten Dr. Günay und Ayse Ünal im Rahmen der Informationsveranstaltung in Duisburg - Marxloh entsprechende Vorträge rund um das Thema Diabetes. Die Veranstaltung war mit 24 Personen gut besucht und ebenso wie die Aktion auf dem Wochenmarkt ein voller Erfolg. Bei Kaffee und Tee wurde zudem lebhaft diskutiert und viel gefragt. Die Gruppe will sich auch weiterhin regelmäßig zur Informationsfindung und zum Erfahrungsaustausch treffen. UB
Vorne v.l.: S. Kumru (AWO), C. Giordano (DDB), A. Ünal, Dr. S. Günay