Selbstbedienung zu Lasten chronisch Kranker, einmal mehr!

Kommentar von  Ulrike Stemmer, Hagen

 zur Frage: "Wer ist chronisch krank?"

 

Nach Auskunft des AOK Bundesverbandes sieht die Definition für „chronisch krank“ des Bundesausschusses der Ärzte und Krankenkassen so aus:

 Als chronisch krank solle vielmehr gelten, wer ein Jahr lang mindestens zweimal pro Quartal wegen einer Krankheit ärztlich behandelt wurde. Hinzu solle mindestens ein weiteres Kriterium treten: Danach soll der Patient entweder

Nicht genug, dass die Patienten ab Januar mehr an Eigenleistung aufbringen müssen, jetzt setzt der Bundesausschuss der Ärzte und Krankenkassen noch eins drauf:

Eine Ohrfeige für alle Dauerkranken in unserem Gesundheitssystem. Es soll eine Definition „zügig geprüft und genehmigt werden“, die sich wieder nur am Geld orientiert.

Ich als Typ 1 Diabetikerin fühle mich von diesen „Herrschaften“ nur noch unsozial behandelt. Meinen Diabetes habe ich auch, ohne mindestens acht mal im Jahr zum Arzt zu rennen. Seit 21 Jahren trage ich eine Insulinpumpe und kann meine Therapie weitestgehend selber händeln. Es sind drei bis vier mal die üblichen Kontrolluntersuchungen fällig und das ist alles! Soll ich jetzt acht mal zum Arzt gehen um mir anhören zu müssen „Ja machen Sie so weiter wie bisher!“, nur um den Stempel des chronisch Kranken zu bekommen und meine 1 Prozent Eigenanteil behalten zu können?

Eine der drei geplanten Zusatzbedingungen erfülle ich zufällig – glücklicherweise. Ich habe es nicht nötig alle zwei Jahre in die Klinik zu gehen und erfülle auch nicht die Voraussetzungen der Pflegestufe II oder III, aber welch Glück, ich bin stolzer Besitzer eines Schwerbehindertenausweises mit 90 %, da ich auch noch andere chronische Leiden habe. Trotzdem muss ich für die Krankenkasse erst teuer werden, um als chronisch krank zu gelten. Welche eine Schizophrenie!

Der genannte Bundesausschuss scheint hier eine Richtlinie zu verabschieden, die man auch als „Einkommenssicherungsrichtlinie für Ärzte“ bezeichnen könnte.

Außerdem werden die sogenannten „Chroniker Programme“, die DMPs für Typ 2 Diabetiker durch diese Definition ad absurdum geführt. Chronisch Kranke sollen durch diese Programme selbständiger mit ihrer Krankheit umgehen lernen, eben nicht alle vier bis sechs Wochen zu ihrem Hausarzt rennen und alle zwei Jahre in der Klinik eingestellt werden, um als chronisch krank zu gelten.

Ich für meine Person fühle mich chronisch krank. Oder ist die Nicht-Produktion eines lebenserhaltenden und zwingend notwendigen Hormons etwa kein krankhafter Zustand?

 

Hagen, den 08. Janur 2004

Text als PDF-Datei mit der Möglichkeit, zu drucken!

 

Deutscher Diabetiker Bund Landesverband Nordrhein-Westfalen e.V.