DEUTSCHER DIABETIKER BUND

Der Bundesvorstand

Diabetes-Journal
Offizielles Organ des Deutschen
Diabetiker Bundes und der
Deutschen Diabetes-Union



ARD   Erstes Deutsches Fernsehen
Programmdirektor/Vorsitzender der
Ständigen Programmkonferenz
Dr. Günter Struve

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80335 München



Mainz/Kassel, den 19. Februar 2004
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FAKT vom 16. Februar 2004, Beitrag „Insulinanaloga“ von Andreas Rummel

Sehr geehrter Herr Dr. Struve,

sehr geehrte Damen und Herren,

in dem oben genannten Beitrag ist der Eindruck vermittelt worden, dass die heute von sehr vielen Diabetikern verwendeten künstlichen Insuline womöglich krebserregend wirken. Ihr Autor Andreas Rummel hat hierzu zwei ältere Diabetiker vor die Kamera treten lassen, ebenso drei Ärzte, die Diabetiker behandeln. Die journalistische Qualität, für die die ARD und damit das „Erste“ steht, ist mit diesem Sendebeitrag nicht gehalten worden!

Einer der beiden Diabetiker (63 Jahre alt) sagte, er benutze seit 1999 Insulinanaloga und vor zwei Jahren sei nun die Diagnose Prostatakrebs gestellt worden. Hierzu muss man wissen, dass es keinerlei Studien weltweit gibt, die den Verdacht aufkommen lassen, dass die künstlich hergestellten Insuline die Entstehung des Prostatakrebses begünstigen. Vielmehr gibt es epidemiologische Studien, die zeigen, dass ca. 30.000 bis 40.000 Männer in Deutschland pro Jahr Prostatakrebs bekommen und dass ab dem 60. Lebensjahr das Risiko, daran zu erkranken, um das Dreifache steigt – egal ob man Diabetes hat oder nicht. Und es gibt keinen Hinweis darauf, dass es einen Unterschied macht, ob man Humaninsulin oder künstlich hergestelltes Insulin spritzt. Man darf hier nicht zusammenwerfen, was nicht zusammengehört! ...

Des weiteren wurde ein anderer Patient gezeigt, der auch Insulinanaloga verwendet und dessen Augen im Verlauf schlechter wurden – auch sein verletzter diabetischer Fuß war groß und länger auf dem Bildschirm zu sehen. Die Botschaft: Insulinanaloga machen die Augen krank, schädigen gar die Füße der Patienten. Richtig ist, dass Hunderttausende Diabetiker in Deutschland eine diabetische Augenerkrankung („Retinopathie“) haben, und dass rund 30.000 Diabe­tiker pro Jahr amputiert werden – ganz egal, welche Art der Therapie angewendet wird. Augenerkrankungen, Fußerkrankungen, Herz- und Nierenerkrankungen sind längst bekannte Folgeerkrankungen des Diabetes mellitus.

Uns geht es gar nicht so sehr um die medizinische Komponente des am 16. 02. 2004 ausgestrahlten Filmbeitrages „Insulinanaloga“ in der Sendung „FAKT“; vielmehr bemängeln wir die Art, wie in diesem Filmbeitrag Meinung gemacht worden ist – um eine ausgewogene Art der Berichterstattung ging es Ihrem Autoren beileibe nicht, denn:

 

  1. Es gibt in Deutschland um die 5.000 bis 6.000 Ärzte, die Diabetes-Experten sind, es gibt eine wissenschaftliche Fachgesellschaft („Deutsche Diabetes-Gesellschaft / DDG“) – doch Ihr Autor holt sich seine „Experten“-Stellungnahme bei einem Düsseldorfer Professor, dessen Einwände gegen die Lehrmeinung seit Jahrzehnten dieselben sind. Der andere Arzt wird als Pharmafreund dargestellt, und ihm wird mitten im Satz das Wort abgeschnitten... Bei der DDG hätte Ihr Autor wohl erfahren, dass die Fachgesellschaft eine kanzerogene Wirkung der Insulinanaloga nicht sieht.

  2. Es gibt in Deutschland eine Interessenvertretung der Patienten („Deutscher Diabetiker Bund“ / DDB mit 40000 Mitgliedern), doch Ihr Autor holt sich seine Patientenmeinung von einem Patienten, der per se zur Prostatakrebs-Hochrisikogruppe zählt – völlig unabhängig von der Diabetestherapie, und der nun seinen Krebs mit der Art der Insulintherapie in Zusammenhang bringt.

  3. Abschließend bemerkt Ihr Autor: „Für einen kleinen Teil der Patienten, deren Blutzucker schlecht einstellbar ist oder für die jugendlichen Typ-1-Diabetiker, können Insulinanaloga einen Vorteil bringen, der ein potentiell höheres Risiko rechtfertigt.“ Beim DDB hätte Ihr Autor erfahren können, dass Hunderttausende Diabetiker die neuen Insuline als einen Segen sehen, da ihre Lebensqualität heute deutlich höher ist: In einer Umfrage der Zeitschrift Diabetes-Journal (Offizielles Organ des DDB) sagten über 82 Prozent der Teilnehmer, dass ihre Lebensqualität mit den Analoga besser ist, und rund 54 Prozent gaben an, dass ihre Blutzuckerwerte mit den Analoga deutlich niedriger sind.

Hatte Ihr Autor denn keine Lust, auch in diese Richtung zu recherchieren? Oder sollten ihm diese Quellen etwa unbekannt sein? Beides, sehr geehrte Damen und Herren, wäre nicht der Qualitätsstandard, den die Bundesbürger zur besten Sendezeit im öffentlich-rechtlichen Fernsehen erwarten dürfen. Diese Art Journalismus hat Ihr Sender nicht verdient – schon gar nicht aber wir als Kunden und Gebührenzahler.

 Vielleicht fragen Sie sich, was man mit einer solchen Vorgehensweise anrichtet? Dieses Schreiben erreicht Sie unter anderem deshalb, weil in den DDB-Geschäftsstellen sowie in der Redaktion unseres Verbandsorgans seit Tagen die Telefone nicht stillstehen und uns Massen an E-Mails erreichen: Verunsicherte Mütter und Väter rufen an und haben Angst um das Wohl ihrer Kinder, die künstliche Insuline tagein, tagaus spritzen. Männer melden sich bei uns und fragen, ob sie denn nun Krebs bekommen würden, da sie seit Jahren Insulinanaloga spritzen. Es ist unerträglich!

Sehr geehrter Herr Dr. Struve, falls Sie nun den Eindruck haben, dieses Schreiben sei von Unzufriedenheit mit der von Ihrem Sender praktizierten Form von Journalismus geprägt, so seien Sie gewiss: Dieser Eindruck stimmt.

 

Mit freundlichen Grüßen


Manuel  I c k r a t h        


Volker Krempel

Verleger der Zeitschrift
Diabetes-Journal     
(Offizielles Organ des Deutschen
Diabetiker Bundes und der
Deutschen Diabetes-Union)

Bundesvorsitzender
Deutscher Diabetiker Bund

 CC:

MDR, Der Intendant, Prof. Dr. Udo Reiter, Kantstraße 71-73, 04275 Leipzig
MDR, Red. Zeitgeschehen, Redaktionsleitung Fakt, Wolfgang Fandrich, 04360 Leipzig
 
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