Die Würfel sind gefallen

 

Von

 

Dr. Klaus Fehrmann, Bundesvorsitzender, Deutscher Diabetiker Bund (DDB)

Martin Hadder, Landesvorsitzender, Landesverband Nordrhein-Westfalen (DDB)

 

 

In Folge der politischen Weichenstellungen nach der Bundestagswahl werden nun die „Disease-Management-Programme (DMPs)“ für Diabetiker umgesetzt.

 

 

Etliche Diabetiker und Ärzte verbinden mit der Einführung der DMPs Hoffnungen für eine Verbesserung der Versorgung. Andere wiederum hegen ärgste Befürchtungen. Ein Großteil der Betroffenen hat jedoch keine Vorstellungen, was sich hinter den Disease-Management-Programmen verbirgt. Der Deutsche Diabetiker Bund (DDB) hält die Programme, entgegen der Behauptung der Bundesgesundheitsministerin - der DDB boykottiere die DMPs, weil er von der Pharma-Industrie abhängig sei - für durchaus geeignet, die Versorgung der Diabetiker zu verbessern.

 

Seit der Verabschiedung der St. Vincent-Deklaration im Oktober 1989 kämpfen Patienten- und Ärzteverbände für eine Verbesserung der Versorgung und damit um eine Reduzierung der Folgekrankheiten. Leider haben alle Bemühungen der Verbände nicht zu dem gewünschten Erfolg geführt. Nun sollen durch die DMPs für chronisch Kranke – vorerst für Diabetiker und für Brustkrebspatienten - verkrustete Strukturen gelockert und Patienten besser betreut werden.

 

Disease-Management-Programme

 

Nach dem Willen der Bundesregierung sollen Diabetiker nun mit strukturierten Behandlungsprogrammen („Disease-Management-Programme“ oder kurz DMPs) besser medizinisch betreut werden. Krankenkassen sollen qualitätsgesicherte Programme anbieten, an denen die Versicherten durch Einschreibung freiwillig teilnehmen können. Die Teilnahme ist jedoch nur dann möglich, wenn sich der behandelnde Arzt auch in diese Programme einschreibt. Dafür erhalten die Krankenkassen einen finanziellen Anreiz. Pro Versichertem, der sich in die Programme einschreibt, erhält die Krankenkasse eine besondere Vergütung aus dem Risikostrukturausgleich (RSA). Durch die Verknüpfung der Ausgleichszahlung aus dem RSA und insbesondere nach dem Symposium der AOK am 26.01.02 in Frankfurt befürchtet der DDB, dass hier nicht vorrangig eine bessere, sondern vielmehr mit Minimalprogrammen eine kostengünstigere Versorgung angestrebt wird.

 

Evidenz basierte Medizin

 

Ziel dieser Behandlungsprogramme ist u. a. auch, die in unserem Gesundheitswesen bestehende Über- bzw. Fehlversorgung zu verringern. Daher sollen den Programmen bundeseinheitliche Behandlungsleitlinien zugrunde gelegt werden. Nach dem „Curaplan“ (Behandlungsprogramm der AOK) und den Programmen anderer Krankenkassen sollten nur noch Medikamente und Therapien verordnet werden, die in mindestens 10-jährigen Studien auf ihre Effizienz überprüft worden sind. Die Folgen für das Gesundheitswesen in Deutschland wären bei konsequenter Durchführung gravierend und der Einsatz neuer Medikamente und Therapien fast unmöglich. Der DDB befürchtet daher starke Einschränkungen bei der Verordnung neuer Medikamente, wie Analog-Insuline, und bei der Verordnung von Teststreifen. Diese Befürchtungen konnten auch nach der Anhörung des DDB im Gesundheitsministerium und vielen Gesprächen mit Krankenkassen und Ärzteverbänden nicht ausgeräumt werden. Es kann nicht sein, dass bewährte Medikamente nicht mehr verordnet werden dürfen, weil die Wirkung nicht mindestens 10 Jahre evaluiert ist.

 

Evidenz basierte Medizin bedeutet aber, daß neben den Ergebnissen der Studien auch die Erfahrungen der Ärzte und die Bedürfnisse der Betroffenen zu berücksichtigen sind. Im besonderen die Bedürfnisse der Betroffenen wurden bei den Vorbereitungen der Programme in keiner Form berücksichtigt. Der DDB fordert die Krankenkassen und Ärzteverbände auf, die Nationalen Versorgungsleitlinien als Behandlungsleitlinien für alle Programme anzuerkennen. Nur so ist gewährleistet, dass wir in der Versorgung der Diabetiker nicht einen Rückschritt um mehrere Jahre erleiden müssen.

 

Die Diskussionen um eine effiziente Versorgung in den letzten Monaten hinterlassen bei vielen Ärzten und bei den Betroffenen einen faden Beigeschmack. Es ist der Eindruck entstanden, dass eine gute Blutzuckereinstellung von untergeordneter Bedeutung ist. Den Blutdruck zu normalisieren ist augenscheinlich wichtiger. Höhere Blutzuckerwerte führen, durch zahlreiche Studien weltweit belegt, zu Schädigungen an den kleinen und großen Blutgefäßen. Dies führt bei älteren Diabetikern häufig schon sehr kurzfristig zu erheblichen Beeinträchtigungen. Der DDB fordert daher auch bei älteren Menschen möglichst normnahe Blutzuckerwerte als Behandlungsziel anzustreben. Eine Reduzierung der Therapiebemühungen auf gute Blutdruckwerte hätte für viele Diabetiker fatale Folgen. Die nach der am 01.07.02 in Kraft getretenen Rechtsverordnung, angestrebte Verbesserung der Lebensqualität, ist durch eine alleinige gute Blutdruckeinstellung nicht erreichbar. Die Forderung des DDB lautet daher, die Blutzuckereinstellung muss verbessert und der Blutdruckeinstellung eine größere Bedeutung als bisher in der Therapie beigemessen werden.

 

Die Würfel sind gefallen

 

Trotz vieler Bedenken und der noch immer geführten Diskussionen werden die DMPs jetzt umgesetzt. Allen Beteiligten ist bewußt, dass noch erhebliche Korrekturen erforderlich sind, um das Ziel, eine Verbesserung der Versorgung und damit eine Reduzierung der Folgekrankheiten bzw. Folgekosten, zu erreichen. Nach der verabschiedeten Rechtsverordnung hat jeder Diabetiker, der sich bei der Krankenkasse einschreibt, einen Anspruch auf eine strukturierte Diabetiker-Schulung. Hier besteht in Deutschland noch ein riesiger Nachholbedarf. Damit den Ansprüchen entsprochen werden kann und die Schulungen einen hohen Qualitätsstandard erreichen, fordert der DDB die Einrichtung von Schulungsnetzen / -vereinigungen zur Verbesserung der Basisversorgung. In einzelnen Regionen in Deutschland werden schon vergleichbare Schulungsgemeinschaften mit Erfolg praktiziert.

 

 

Struktur der Diabetes-Basisversorgung nach den Vorstellungen des DDB

 

Um eine Reduzierung der Folgekrankheiten und damit Folgekosten zur erreichen ist es erforderlich, die Basisversorgung wesentlich zu verbessern. Dies kann nur gelingen, wenn eine intensivere Zusammenarbeit zwischen den diabetologischen Schwerpunktpraxen oder einer stationären Einrichtung mit Fachabteilung einerseits und den im Umfeld praktizierenden Hausärzten andererseits erfolgt. Die Kompetenz der Schwerpunktpraxen vor Ort muss gestärkt werden, um dem Anspruch der Diabetiker aus den DMPs auf qualifizierte und strukturierte Schulung gerecht werden zu können. Es ist aus Kostengründen unrealistisch zu glauben, daß jede Arztpraxis in der Lage ist, sein Personal ausreichend auszubilden und kontinuierlich für wenige Patienten fortbilden zu lassen. Es ist auch aus ökonomischen Gründen notwendig, die vorhandene Kompetenz der qualifizierten Einrichtungen intensiver in der Diabetiker-Schulung zu nutzen.

 

Durch eine enge Zusammenarbeit der Schwerpunktpraxen oder Facheinrichtungen vor Ort mit anderen an der Versorgung beteiligten Einrichtungen - Krankenkassen, Selbsthilfegruppen, Apotheken, Podologen (med. Fußpflege), Kranken- und Altenpfleger, orthop. Schuhtechniker und Orthopädie-Techniker - könnte zudem durch ortsnahe und gezielte Fortbildungsmaßnahmen die Basisversorgung aller Diabetiker wesentlich verbessert werden.

 

Da in einigen Regionen in Deutschland Schulungsvereine oder Gemeinschaften schon erfolgreich arbeiten, richten wir den Appell an die Krankenkassen und Kassenärztlichen Vereinigungen, die vertragsrechtlichen Voraussetzungen zu schaffen, dass diese Form der Basisversorgung auch bei der Vergütung der Leistungen entsprechend berücksichtigt werden.

 

(Stand: 01. 01. 2003)