Befragung von Typ-2-Diabetikern
in Nordrhein-Westfalen 2001

 

vom Arbeitskreis „Typ-2-Diabetiker“
des DDB Landesverbandes Nordrhein-Westfalen e.V.

 

Reinhard Schaffert † gewidmet

 

Im Januar 2000 wurde der Arbeitskreis „Typ-2-Diabetes“ (AK Typ 2) in Dortmund gegründet. Nach einer Orientierungsphase entschlossen sich die Mitglieder des AK, aufgrund der bekannt schlechten Situation der Typ-2-Diabetiker eine Befragung durchzuführen, um für Nordrhein-Westfalen darüber konkrete Aussagen machen zu können.

 

In mehreren Schritten wurde ein Fragebogen entwickelt. Gleichzeitig wurden Sponsoren für Preise gesucht, um die Teilnehmer zum Ausfüllen der Fragebögen zu motivieren. Der Leiter des AK Typ 2, Wilfried Wloch, organisierte im Sommer 2001 die Verteilung der 3.000 Fragebögen, von denen 500 in diabetologischen Schwerpunktpraxen verteilt und über den DDB Landesverband NRW e.V. 1.500 an die Mitglieder verschickt wurden. Reinhard Schaffert, selbst Apotheker, entwarf ein Anschreiben an seine Kollegen mit der Bitte, die 1.000 Bögen an deren Kunden mit Typ-2-Diabetes auszugeben. Zwischen September und Dezember 2001 lief die Aktion. Es kamen an ausgefüllten und verwertbaren Fragebögen 1.569 zurück. Das sind 52,3 %. Etwa 90 % der Bögen wurden von DDB Mitgliedern ausgefüllt. Nur rund 10 % stammen von Nichtmitgliedern.

 

Probleme bereitete die Auswertung der Fragebögen. Eine Lösung wurde durch Joachim Riener, Mitglied des Bezirksvorstandes Ruhr-Nord, gefunden. Er erstellte das Programm zur Auswertung der Bögen, das Heidrun und Wilfried Wloch sowie deren Kinder eingaben. Im September 2002 wurden die ausgedruckten Ergebnisse mit zwei Mitgliedern des Landesvorstandes in Dorsten-Rhade diskutiert und die endgültigen Fragestellungen festgelegt. Diese überarbeitete  Auswertung wurde gemeinsam von Wolfgang Stemmer und den Ärzten Frau und Herr Dr. Leyer kommentiert und bei Dr. Leyer in Dortmund im Januar 2003 abschließend besprochen.


 

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Preise und Preisträger

 

Die ersten drei Preisträger waren alle Mitglied im DDB. Den 1. Preis, einen Hometrainer, gewann Anneliese Brandkamp aus Beckum. Den 2. Preis, ein Sportset, bestehend aus einer Windjacke, einem T-Shirt, einer Baseballmütze und einer Gürteltasche gewann Christel Lennartz aus Heimbach. Den 3. Preis, ein Blutzuckermessgerät, gewann Friedhelm Germar aus Oberhausen. Herzlichen Glückwunsch!

 

Persönliche Daten

 

Die mit den 41 – 50 jährigen Typ-2-Diabetikern ansteigende Kurve von 5,2 % auf 14,7 % bei den 51 – 60 jährigen, weiter steigend auf 44,1 % der 61 – 70 und schließlich langsam auslaufenden Deadline mit 5,2 % der über 80 jährigen erscheint typisch.

Aus der Sicht des DDB sind diese Zahlen nur so zu interpretieren, dass es sich bei den Befragten um sehr aktive Menschen handelt. Wenn die Angaben von Dreyer und Berger zutreffen, und Dreyer sagt ja sehr deutlich, dass dieser Diabetes Typ eine „geriatrische Erkrankung“ ist, dann muss die Mehrzahl der Typ-2-Diabetiker nicht mehr aktiv sein, das heißt, es handelt sich um Menschen, die zu Hause, in Heimen, in Krankenhäusern leben oder gepflegt werden müssen. Die Mehrzahl hat offensichtlich kein Interesse an der Erkrankung oder findet keinen aktiven Zugang.

 

Body Mass Index (BMI)

 

Einen wünschenswerten BMI von 19 - < 25 haben 24 % der Befragten. Das sind 376 Personen von 1.569. Im kritischen behandlungsbedürftigen Bereich bei einem BMI von 25 - > 30 liegen mit knapp 42 % 653 Befragte. Einen krankhaften und unbedingt behandlungsbedürftigen BMI von 30 - < 40 haben 28 %, also 443 Personen. 52 Befragte, 3,3 %, haben einen BMI von > 40.

 

Wünschenswert ist ein BMI zwischen 19 und < 25. Braun stellte in seiner bundesweiten Untersuchung bei den befragten Typ-2-Diabetikern einen BMI bis 25 von 20,8 %, BMI von 25 bis < 30 von 49,8 % und einem BMI von über 30 von 29,4 % fest. (Braun, S. 56)

 

Vergleicht man NRW mit Braun, so zeigt sich, dass der BMI bis 25 um 3 % in NRW  besser ist, der BMI zwischen 25 - < 30 bei Braun um 7,8 % höher liegt und der BMI größer 30 in NRW um 1,9 % höher als im Bundesdurchschnitt liegt.

 

Prof. Dr. Hauner stellte fest, dass „rund 60 % der neu entdeckten Typ-2-Diabetiker krankhaft übergewichtig mit einem BMI von > 29 sind“. (Nuber, S. 29, 1999)

 

 

Wer hat Ihren Diabetes erkannt?

 

Die Erst-Diagnose der Erkrankung haben bei 71 % der Befragten die niedergelassenen Hausärzte festgestellt. In der Klinik wurden rund 17 % und von anderen (u.a. Arbeitsmediziner, Reha-Kliniken) 12 % Diabetiker entdeckt. An dieser Stelle ist auf die Verantwortung der Hausärzte hinzuweisen, die gerade jetzt in den Disease Management Programmen (DMP´s) als „Lotse“ eine ungeheuer wichtige Stellung einnehmen sollen.

 

Wie wird Ihr Diabetes behandelt?

 

In dieser Umfrage werden etwas über 4 % der Typ-2-Diabetiker mit Diät behandelt; 24 % mit oralen Antidiabetika, knapp 62 % mit Insulin und etwa 6 % mit Tabletten und Insulin.

 

Interessant ist ein Vergleich mit einer von Prof. Berger 1992 bei den Mitgliedern des DDB Landesverbandes NRW e.V. durchgeführten Befragung, die schwere Erschütterungen im Gesundheitswesen auslöste.

1992 wurden 4 % (heute 4,3 %) der Typ-2-Diabetiker mit Diät behandelt. 18 % erhielten ausschließlich orale Antidiabetika ( heute 23,9 %). 63 % (heute 65,8 %) der Befragten spritzten Insulin und 15 % machten eine Kombinationstherapie aus Insulin und Tabletten (heute 5,9 %).

 

Während sich in NRW bei den Mitgliedern des DDB in den Therapieformen Diät und Insulin  fast nichts verändert hat, nahm die Einnahme der oralen Antidiabetika um 6 % zu, während die Kombinationstherapie um 9 % sank.

 

Haben Sie an einer Diabetikerschulung teilgenommen?

 

Die Befragung der Typ-2-Diabetiker ergab, dass 15,3 % noch nicht an einer Diabetikerschulung teilgenommen haben. Das sind 240 Personen. Man kann davon ausgehen, dass von allen Menschen mit Diabetes in Deutschland höchstens 15 bis 20 % geschult sind.

 

Wie lange dauerte Ihre Schulung?

 

Die strukturierte Diabetiker Schulung (SDS) dauerte bei fast 29 % der Typ-2-Diabetiker bis zu 9 Stunden. Zwischen 10 und 19 Stunden wurden knapp 51 % geschult. Über 20 Stunden und mehr nahmen noch 4,4 % teil, das sind 70 Personen.

 

Das Ergebnis deckt sich mit den Diabetesvereinbarungen der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Nordrhein und der KV Westfalen-Lippe, auf deren Gebiet die Umfrage durchgeführt wurde.

 

Wer hat Sie geschult?

 

An einer SDS nahmen 8,5 % beim Hausarzt; 26 % bei einem Diabetologen und über 51 % in einer Klinik teil.

 

Differenziert man die Dauer der SDS durch Hausärzte, diabetologische Schwerpunktpraxen und Kliniken, so ergibt sich eine durchschnittliche Schulungsdauer. Diese beträgt bei den Hausärzten 6,8 Stunden; bei den Diabetologen 11,7 Stunden und in den Klinken 11,9 Stunden.

 

Was wurde geschult?

 

Geschult wurden die Typ-2-Diabetiker im Bereich Ernährung mit fast 51 % und Blutzucker Selbstkontrolle (BZSK) mit 49 %. Dabei nahm der Bereich Ernährung bei den Hausärzten 4 %, bei den Diabetologen 14 % und den Kliniken 28 % ein. Im Bereich der BZSK  waren es beiden Hausärzten etwa 4 %, bei den Diabetologen etwa 15 % und den Kliniken knapp 30 %.

 

Kennen Sie eine Diabetiker-Selbsthilfegruppe in Ihrer Nähe?

 

Knapp 62 % der Befragten war eine Diabetiker Selbsthilfegruppe (DSHG) in ihrer Nähe bekannt. 38 % kannten keine DSHG.

 

Wenn Sie eine DSHG kennen, besuchen Sie sie regelmäßig?

 

Von den 62 %, die eine DSHG kennen, besuchen diese etwa 34 %. Das sind 28 % weniger. Zwei Drittel besuchen keine DSHG.

 

Engagieren Sie sich in einer DSHG?

 

Von den 34 %, die eine DSHG besuchen, engagieren sich knapp 13 %, das sind 200 Personen.

In der von Braun vorgelegten Studie (S. 142) gaben von 2.707 Befragten Typ-2-Diabetikern nur 2,6 % (69 Personen) an, dass sie in einer DSHG sind.

 

Vergleich der Häufigkeit von Spätfolgen bei Teilnahme / Nichtteilnahme an einer DSHG

 

Im Vergleich der Häufigkeit von Spätfolgen bei Teilnahme oder Nichtteilnahme an DSHG zeichnet sich folgendes Bild ab:

Von den Typ-2-Diabetikern, die regelmäßig an Treffen einer DSHG teilnehmen, haben 24 % Spätfolgen, etwa 10 % hat keine. Von den Typ-2-Diabetikern, die nicht an DSHG Treffen teilnehmen, haben 45 % Spätfolgen und 21,4 % keine.

 

Bewegen Sie sich regelmäßig? Wenn ja, was tun Sie?

 

Körperlich aktiv sind knapp 70 % der Befragten, wenn sie angeben, regelmäßig Spazieren zu gehen. Die Typ-2-Diabetiker, die regelmäßig Gartenarbeit verrichten machen 42,4 % aus. Nur ein Zehntel hinter dem Komma rangieren die Radfahrer mit 42,3 %. Schwimmen gehen regelmäßig über 21 % während andere Aktivitäten mit knapp 21 % angegeben wurden.

 

Braun stellt fest, „dass eine Einmal-Aktivierung durch SDS nicht alleine ausreicht“. Die Befragten gaben an, dass Ihnen bestimmte Personen oder Ereignisse unterstützend bei der Aktivierung halfen. Insofern ist hier auf die Hilfe der Selbsthilfegruppen und Sportgruppen im DDB hinzuweisen, die sehr motivierend wirken können.

 

Wie ernst nehmen Sie ihren Diabetes im Alltag?

 

Verantwortlich gehen 78 % der Befragten mit ihrer Erkrankung um, indem sie ihr Tagbuch führen. 49 % gehen danach zum Diabetologen. Einen Augenarzt suchen über 90 % auf und zur Fußpflege gehen annähernd 50 %. Andere Ärzte (Neurologen, Nephrologen, Kardiologen) suchen fast 31 % auf.

 

Diabetes tut nicht weh. Haben Sie bereits Spätfolgen? Wenn ja, welche?

 

68 % der Befragten nannten eine oder mehrere Spätfolgen. An Spätfolgen der chronischen Erkrankung Diabetes gaben 41 % der Typ-2-Diabetiker an, an Bluthochdruck zu leiden. Eine Polyneuropathie hatten über ein Viertel der Befragen. An die 20 % haben eine Augenschädigung, bei etwas über 6 % sind die Nieren geschädigt. Eine Amputation wurde bei 10 Personen durchgeführt, das sind 0,5 %. 7 % der Befragten gaben noch andere Spätfolgen an.

 

Interpretation

 

In der Berger Studie von 1992 hatten Typ-2-Diabetiker außer Diabetes zwei weitere Erkrankungen angegeben. Danach hatten 63 % dieser Gruppe Hypertonie. Augenerkrankungen zählten bei allen (Typ 1 – und Typ-2-Diabetiker) mit 30 % zu den häufigsten Folgeerkrankungen. Fußschäden gaben 16 % der DDB Mitglieder an. Weitere 16 % wussten nicht, ob sie Fußschäden hatten. Nierenschäden gaben 9 % der damals Befragten an.

 

Spätfolgen nach der Dauer der Erkrankung

 

Schaut man sich die Spätfolgen nach der Dauer der Erkrankung in Jahren an, so steigen diese in den ersten 5 Jahren auf 14,3 %, wachsen in den nächsten 5 Jahren um 4 % an, erreichen den Prozentualen Höhepunkt zwischen 11 und 15 Jahren mit knapp 20 % und fallen dann in den nächsten 5 Jahren um etwa 5 % auf 14,7 % ab. Sie verringern sich von 21 – 25 Jahren auf 12,7 % und fallen dann in 5 Jahresschritten auf 8,4 %, 5,6 % und 4,7 % ab.

 

Vergleicht man diese Angaben mit der Berger Studie 1992 (S.43 ff), so zeigt sich z.B. bei den Augenerkrankungen  in den ersten 20 Jahren 30 %, von 20 – 29 Jahren 44 % und von 30 und mehr als 39 Jahren 26 %. Bei den Fußschäden steigt die Zahl in den ersten 20 Jahren auf 48 %, von 20 – 29 Jahren sinkt sie auf 33 % und von 30 und mehr als 39 Jahren fällt sie weiter auf 19 %. Bei den Nierenschäden liegt die Anzahl in den ersten 20 Jahren bei 33 %, von 20 – 29 Jahren bei 43 % und von 30 bis mehr als 39 Jahren bei 24 %.

 

Spätfolgen in Verbindung zur Therapie

 

Von den 68 %, die angaben, eine oder mehrere Spätfolgen zu haben, machten folgende Therapien. 3 % machte Diät, knapp 23 % nahmen orale Antidiabetika, fast 68 % spritzten Insulin und etwa 7 % machten eine Kombinationstherapie mit Insulin und Tabletten.

 

Bezüglich der Spätfolgen in Verbindung zur Therapie ist glücklicherweise zu sagen, dass der größte Teil der Befragten mit Folgekomplikationen (68 %) mit Insulin behandelt werden. Bei schon bestehenden Folgekomplikationen ist zur Vermeidung eines Fortschreitens bzw. Auftreten einer neuen Folgeerkrankung eine normnahe Blutzuckereinstellung unumgänglich. Im Rahmen einer Insulintherapie ist diese normnahe Einstellung des Blutzuckers eher gewährleistet als unter oraler Therapie.

 

Fazit

 

Die Umfrage zeigt sehr eindringlich, wie auch andere Studien, dass Typ-2-Diabetes nicht das „bisschen Alterszucker“ ist, über das man, leider auch als Arzt, hinwegsehen kann und das man nicht ernst zu nehmen braucht, weil die Lebenserwartung des Patienten vielleicht nicht mehr so hoch ist. Gerade der Typ-2-Diabetes ist explosionsartig weltweit im Ansteigen begriffen.

 

Das bedeutet für den Deutschen Diabetiker Bund ganz konkret:

 

·

Als Landesverband weiter mit Erfolg gesundheitspolitischen Einfluss auf die Disease Management Programme Typ-2-Diabetes zu nehmen: Wegfall der Altersgrenze mit 65 Jahren; keine Festschreibung des HbA1c mehr; Einführung strukturierter, qualitätsgesicherter Schulungen; weitere Verschreibung von Analog-Insulinen; u.a.m.

 

 

·

sich flächendeckend für die Belange der Typ-2-Diabetiker einzusetzen, z.B. mit der „Prophylaxe am Fuß des Diabetikers“ (Fußpass);

 

 

·

sich über spezielle Berufsgruppen den Typ-2-Diabetikern zuzuwenden, die sich nicht mehr aktiv um ihre eigenen Belange kümmern können;

 

 

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in Schulungsnetzen mitzuwirken, um Einfluss auf die Schulungsqualität der Typ-2-Diabetiker zu nehmen;

 

 

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sich intensiv für Sportprogramme für Typ-2-Diabetiker auf den verschiedenen Ebenen einzusetzen;

 

 

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in der Öffentlichkeit deutlich zu machen, dass es einen positiven Zusammenhang zwischen Folgeerkrankungen und der Mitgliedschaft im Deutschen Diabetiker Bund gibt;

 

 

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als Landesverband weiterhin die Philosophie (Corporate Design) zu verfolgen, dass nur informierte Diabetiker auch gesunde Menschen mit Diabetes sind;

 

 

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nur gut informierte Menschen mit Diabetes können auch gute Partner des behandelnden Arztes sein;

 

 

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weitere konkrete Aktivitäten des Arbeitskreises Typ-2-Diabetes im Landesverband NRW.

 

 

Weitere Auskünfte erteilt:
Wilfried  W l o c h

Leiter AK Typ-2-Diabetes NRW
Lembeckerstr. 116
48286 Dorsten-Rhade

Tel.: 02866 / 18 72 80
Handy: 0177 / 3 39 49 40
E-Mail: WlfriedWloch@aol.com

 

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