Diabetes-Risikocheck im Kreis Wesel

 

 

Auffällige Testergebnisse bei Migranten

 

 

Mit Unterstützung des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes, verschiedener Krankenkassen und interkultureller Einrichtungen sowie des Deutschen Diabetiker Bundes (DDB) Landesverband NRW hat der Kreis Wesel, Fachbereich Gesundheitswesen, eine Anregung der Koordinatorin des DDB-Projektes „Migranten und Selbsthilfe“ aufgegriffen und in der Woche vom 4. bis 8. Oktober 2010 in fünf Städten vor den jeweiligen Moscheen oder auf Wochenmärkten eine Präventionsaktion zum Diabetes-Risikocheck durchgeführt. Die Ergebnisse zeigten ein erhebliches Risikopotential und einen akuten Handlungsbedarf.

 

 

An den Standorten Moers-Meerbeck und –Repelen, in Dinslaken, Kamp-Lintfort und in der Stadt Wesel boten die Betreuerin des Diabetes-Info-Mobils, Diabetesberaterin Afra Schmidt, und die Koordinatorin des DDB-Projektes „Migranten und Selbsthilfe“, Diabetesassistentin Carmela Giordano, am Diabetes-Info-Mobil des DDB Landesverbandes in der Aktionswoche einen Diabetes-Risikocheck an. Es wurden der Blutzucker-Langzeitwert, die Blutzucker- und Blutdruckwerte sowie der Body Mass Index (BMI) ermittelt. Darüber hinaus wurde der Findriskbogen mit acht Fragen zu Lebensweise und familiärer Vorbelastung mit den testbereiten Personen ausgefüllt. Elif Ügdüler, eine Arzthelferin mit türkischem Migrationshintergrund brachte sich ehrenamtlich ein und diente ihren Landsleuten als Dolmetscherin. Unterstützt wurde die Aktionswoche durch eine Kooperationspartnerschaft zwischen dem Kreis Wesel / Fachbereich Gesundheitswesen, der Selbsthilfe-Kontaktstelle Moers des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes, dem Internationalen Kulturkreis Moers e.V. (ikm) sowie den Krankenkassen AOK, DAK, Vereinigte IKK und Knappschaft.

 

 

Bevölkerung und Politik wachrütteln

 

Bei der Pressekonferenz am letzten Aktionstag in der Diyanet Moschee in Wesel präsentierte Afra Schmidt die Ergebnisse der ersten vier Präventionstage. Von den im Diabetes-Info-Mobil getesteten 100 Männern und 146 Frauen waren 190 Nicht-Diabetiker, von denen 50 Personen - über 26 Prozent - erhöhte Blutzucker- und Blutzucker-Langzeitwerte aufwiesen. In mehreren Fällen lag der Langzeitwert über 11 %. Jede fünfte der getesteten Personen war adipös und zeigte einen BMI-Wert über 30 kg/m², drei davon sogar über 50 kg/m². Die Folgen, so Schmidt, sind absehbar: diabetesbedingte Folgeerkrankungen und hohe Kosten im Gesundheitswesen.

 

 

Das Thema „Migranten und Gesundheit“ muss, so Dr. Rüdiger Rau von der Kommunalen Gesundheitskonferenz des Kreises Wesel, verstärkt in den Fokus von Bevölkerung und Politik gerückt werden. Dr. Rau, der die Aktion federführend mit initiiert hatte, begrüßte die Aktion angesichts der Testergebnisse nachhaltig. Migranten, so der Kreisbeauftragte, seien mehr als andere Menschen durch das Leben in einem anderen Land belastet.

 

 

Migranten leiden mehr unter Stress

 

Damit schloss er sich dem Statement von Cihan Sarıca, dem Integrationsbeauftragten des Kreises Wesel, an. Sarıca ist davon überzeugt, dass seine türkischen Landsleute aufgrund ihrer gewohnten anderen Lebensweise und dem Leben in einem fremden Kulturkreis seelisch in einen Konflikt geraten und somit mehr belastet seien als deutsche Bürger. Sie erkranken daher auch eher an Diabetes. Die Statistik spricht ebenfalls für diese These. Danach beträgt der Anteil an Menschen mit türkischem Migrationshintergrund, der in Deutschland an Diabetes erkrankt, 14 Prozent. In der Türkei leiden nur acht Prozent der Menschen an Diabetes, was der Betroffenenrate deutscher Mitbürger im eigenen Land entspricht.

 

Von den 36.000 Migranten im Kreis Wesel sind 40 Prozent türkischer Herkunft. Der Integrationsbeauftragte hält Prävention für ein sehr wichtiges Instrument, um frühzeitig handeln und Schlimmeres verhindern zu können. Die Aktionswoche ist dafür ein gutes Beispiel und für die Migranten, so Sarıca, von großer Bedeutung.

 

„Gut, dass es das Info-Mobil gibt“

 

 

Mit diesen Worten lobte die stellvertretende Bürgermeisterin des Kreises Wesel, Ulla Hornemann, die fahrende Vorsorgestation des DDB Nordrhein-Westfalen als eine Vorsorgemöglichkeit, wie sie jeder nutzen sollte. Auch Heinrich F. Heselmann, der 2. Stellvertretende Landrat des Kreises Wesel, war begeistert und würdigte den Spruch des DDB Landesverbandes, in dem es heißt: „Bevor Sie zu uns kommen, sind wir schon zu Ihnen unterwegs!“ Er dankte allen, die diese Aktion im Kreis Wesel ermöglicht haben, verbunden mit dem Wunsch, dass das Mobil noch mehr solcher Aktionen begleiten möge. An dem Gelingen der Aktion beteiligt war auch Ludgera Geldermann von der Selbsthilfe-Kontaktstelle Moers im Kreis Wesel, die gemeinsam mit Dr. Rüdiger Rau das Diabetes-Info-Mobil und die Aktion zueinander gebracht hatte.

 

 

Erfahrungen aus dem Migranten-Projekt nutzen

 

 

Bei Screening-Aktionen des DDB, so der Landesvorsitzende Martin Hadder, wird normalerweise bei 7 bis 8 Prozent der getesteten Personen eine Glukosetoleranzstörung festgestellt. Im Hinblick darauf, dass die Kosten für die Behandlung von Diabetes-Folgeerkrankungen rund 70 Prozent aller Behandlungskosten für den Diabetes betragen, ist das Testergebnis der Aktionswoche erschreckend hoch. Schon 1989 wurde in St. Vincent (Italien) von Vertretern der europäischen Gesundheitsministerien und Patientenvertretungen unter der Schirmherrschaft der Weltgesundheitsorganisation und der Internationalen Diabetesvereinigung eine Deklaration zur Reduzierung der Folgeerkrankungen verfasst. „Diese Ziele sind bisher nicht annähernd erreicht worden“, so Hadder. Ein Fortschritt dahin war jedoch die Einführung von Diabetiker-Schulungen. Aber gerade hier gibt es bei Migranten große Barrieren wie beispielsweise das Sprachproblem. Der DDB konnte diesbezüglich viele Erfahrungen bei seinem Projekt „Migranten und Selbsthilfe“ sammeln, das vom Bundesverband der Betriebskrankenkassen und der Universität Hamburg unterstützt wird. Ziel dieses Projektes ist es, den Migranten die notwendigen Informationen nahe zu bringen und Selbsthilfe zu initiieren. Und Prävention, so der Landesvorsitzende, kann auch, wie Studien zeigen, bei erkennbarem Risiko durch geeignete Maßnahmen wie gesunde Ernährung und Bewegung den Krankheitsausbruch verhindern oder zumindest erheblich hinauszögern.

 

Fortführung präventiver Aktionen geplant

 

Diesen Hinweis greift Dr. Rau gerne auf, da er gerade die Therapiesäulen Ernährung und Bewegung für alle Menschen als sehr wichtig erachtet. Es ist daher ein Ziel der Kommunalen Gesundheitskonferenz, präventive Aktionen, wie es die Woche im Kreis Wesel war, fortzuführen und im Sinne der Kooperation mit den Migranten noch besser zu koordinieren. UB


1 vorne v. li. H. F. Heselmann, L. Geldermann, Dr. R. Rau, U. Hornemann, C. Sarıca, dahinter: M. Hadder




2 Pressekonferenz in den Moscheeräumen: v. li. A. Schmidt, M. Hadder, L. Geldermann, H. F. Heselmann, C. Sarıca