P R E S S E M I T T E I L U N G


Menschen mit Diabetes künftig mehrheitlich „im Blindflug“

diabetesDE, Experten, Patienten und Prominente wie Udo Walz gegen G-BA-Entscheid, Harn- und Blutzuckerteststreifen bei nichtinsulinpflichtigem Typ-2-Diabetes nur noch in Ausnahmefällen zu erstatten

 

Berlin – Heute hat der Gemeinsame Bundesausschuss eine Änderung der Arzneimittelrichtlinie Anlage III beschlossen, die zur Folge hat, dass Harn- und Blutzuckerteststreifen bei nichtinsulinpflichtigen Patienten mit Diabetes mellitus Typ 2 im Regelfall nicht mehr erstattungsfähig sind. Eine Ausnahme im Sinne einer eingeschränkten Verordnung sieht der G-BA gerechtfertigt bei instabiler Stoffwechsellage. Hier können Ärzte mit Inkrafttreten der geänderten Richtlinie ab dem 01.07.11 maximal 50 Teststreifen pro Behandlungssituation verordnen. Eine instabile Stoffwechsellage kann zum Beispiel bei gleichzeitig auftretenden, anderen Erkrankungen sowie bei Ersteinstellung oder Therapieumstellung auf orale Antidiabetika mit hohem Risiko einer Unterzuckerung auftreten (Sulfonylharnstoffe, Glinide). Als Leistung zur Teilhabe am Arbeitsleben sollen Patienten, die aus beruflichen Gründen das Risiko einer Unterzuckerung vermeiden müssen (Fahrerlaubnis und andere, sicherheits- und gesundheitschutzrechtliche Anforderungen), von den zuständigen Trägern anderer Sozialleistungssysteme die Kosten für Harn- und Blutzuckerteststreifen erstattet bekommen.

 

diabetesDE kann mit dieser Regelung keinesfalls zufrieden sein“, kritisierte heute Prof. Dr. med. Thomas Danne, Vorstandsvorsitzender von diabetesDE und Präsident der Deutschen Diabetes-Gesellschaft (DDG), den G-BA-Entscheid. „Zum einen halten wir das zugrundeliegende IQWiG-Gutachten, das keinen therapeutischen Nutzen der regelmäßigen Blutzuckerselbstmessung erkennen konnte, für unzureichend. diabetesDE hat dazu bereits im April 2010 eine ausführliche wissenschaftliche Stellungnahme veröffentlicht“, so Danne. Zum anderen sei die Blutzuckerselbstkontrolle ein unverzichtbarer Bestandteil einer strukturierten Diabetesschulung und damit einer modernen Therapie des Diabetes mellitus, denn sie stärke den selbstverantwortlichen Umgang der Patienten mit ihrer Erkrankung. „Der G-BA nimmt den Patienten mit diesem Entscheid das einzige Mittel der persönlichen Schadensbegrenzung im Fall einer drohenden oder bereits eingetretenen Unterzuckerung aus der Hand. Ohne die Teststreifen können Patienten solche gefährlichen Situationen nicht rechtzeitig erkennen und auch nicht zeitnah gegensteuern – sie fliegen nun quasi im Blindflug“, erklärte Danne. Es sei nicht hinnehmbar, dass finanzielle Aspekte vor der Patientensicherheit rangierten, bekräftigte der Präsident weiter. Darüber hinaus sei eine instabile Stoffwechsellage durch die Ermittlung der HbA1c-Langzeit-Blutzuckerwerte in den Praxen gar nicht feststellbar. Bislang sei daher auch ungeklärt, ob die neue Regelung das Gebot der Wirtschaftlichkeit erfüllen könne oder ob nicht Mehrkosten durch vermehrte Messungen aktueller Blutzuckerwerte in der ambulanten vertragsärztlichen Versorgung entstünden.

 

Auch Michaela Berger, stellvertretende Vorsitzende von diabetesDE und Vorstandsmitglied des Verbandes der Diabetes- Beratungs- und Schulungsberufe in Deutschland (VDBD), wies heute darauf hin, dass Blutzuckerteststreifen viel mehr seien als ein Instrument zur reinen Krisenintervention bei instabiler Stoffwechsellage: „Blut lügt nicht. Durch eine geschulte und regelmäßige Blutzuckerselbstmessung können unsere Patienten eine deutliche und dauerhafte Verbesserung ihrer Stoffwechseleinstellung erreichen – wenn sie der Messung Taten folgen lassen und ihren Lebensstil an den Messergebnissen ausrichten.“ Im professionellen Rahmen hochwertiger Schulung und Beratung unterstütze die Selbstmessung die Patientenaktivierung, helfe das Selbstmanagement zu stärken und sei daher in der Lage, die auch von politischer Seite geforderte Selbstverantwortung zu fördern. „Ein Großteil unserer Patienten könnte eine fehlende Kostenübernahme für die Teststreifen auch missverstehen und daraus schließen, dass die Blutzuckerselbstmessung überflüssig ist“, befürchtet Berger. „Das wäre ein fatales Signal an unsere Patienten.“
„Menschen mit Diabetes brauchen Teststreifen – ohne wenn und aber! Regelmäßige Blut- zuckermessungen sind das A und O für die Vorsorge gegen Folgeerkrankungen“, das sagt auch Star-Coiffeur Udo Walz, selbst seit 20 Jahren Typ 2 Diabetiker. „Niemand käme auf die Idee, Vorsorgeuntersuchungen gegen Krebs in Frage zu stellen“, regte sich Walz auf.

Von der neuen Regelung sind ca. 4,7 Mio Menschen in Deutschland betroffen - die größte Gruppe der Menschen mit Diabetes.

 

 

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