Der Apothekerverband Nordrhein (AVNO) hatte am 6. Februar 2010 seine Mitglieder und Kooperationspartner zum „2. Zukunftskongress öffentliche Apotheke“ in das World Conference Center Bonn eingeladen. Es galt, die sich aufgrund demographischer Veränderungen künftig bietenden Chancen in der Versorgung auszuloten, um sie als Apotheker mit gestalten zu können. Auf dem Podium diskutierten Vertreter von Innovationsforschung, Krankenkassen, Verbraucherschutz und Apothekerverband, welche Rolle der Apotheker im Netzwerk des Gesundheitswesens und welchen Stellenwert der Mensch als Patient und Kunde in der Versorgung durch den Apotheker künftig einnehmen wird.
„Die Apotheker werden sich in die Versorgung einbringen!“ Thomas Preis, Vorstandsvorsitzender des Apothekerverbandes Nordrhein, erinnerte an das im vergangenen Jahr veröffentlichte Gutachten des Sachverständigenrates zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen, in dem es heißt, dass Apotheker als „Fachleute für Arzneimittel“ anzusehen sind und Apotheken zu „Beratungszentren in der Arzneimitteltherapie“ werden.
Präsenz-Apotheke muss bleiben
Genau diesen Punkt hob auch Landesgesundheitsminister Karl-Josef Laumann in seinem Grußwort hervor. Er fühlte sich sichtlich wohl im ehemaligen Bonner Bundestag, wo er in den neunziger Jahren als Abgeordneter an politischen Debatten teilgenommen hatte. Die „diskrete“ Beratung durch den Apotheker ist, so Laumann, extrem wichtig. Man dürfe es daher „nicht zulassen, dass ein verschreibungspflichtiges Arzneimittel nur eine übliche Handelsware ist.“ Bei Arzneimitteln handelt es sich um „besondere“ Ware, zu der die Menschen – und das vor allem in zunehmendem Alter – weiterhin Zugang erhalten müssen. Politisch forderte der Minister, „dass die ganz normale Präsenz-Apotheke erhalten bleiben muss.“ Statt immer mehr in Richtung Zwei-Klassen-Medizin zu gehen, sollten alle Menschen am medizinischen Fortschritt teilhaben können. Ein Fortschritt, der sich vorwiegend auf dem Sektor der Arzneimittel niederschlagen wird. Der Gesundheitsminister appellierte daher an die Apotheker, politische Vorhaben im Gesundheitswesen hinsichtlich ihrer sozialen Gerechtigkeit und finanziellen Machbarkeit kritisch zu hinterfragen. Wichtig sei es, die entsprechenden Debatten zu führen und den Menschen offen zu erklären, dass die Teuerung bei Arzneimitteln auch etwas mit Qualität und medizinischem Fortschritt zu tun hat. Um so wichtiger ist die Aufgabe der Apotheken, präventiv sowie qualitativ gut und individuell zu beraten. Dies, so Laumann, gelte vor allem für ältere und chronisch kranke Menschen. Als ein Beispiel nannte er dabei das Erkrankungsrisiko Diabetes.
Dieser Frage widmete sich Jeannette Huber vom Zukunftsinstitut. Verfolgt man die demographische Entwicklung, so wird unsere Gesellschaft bis zum Jahr 2050 in hohem Maße Menschen im Alter von 63 Jahren und mehr aufweisen. Diese Menschen werden wiederum sehr unterschiedliche Bedürfnisse haben, sowohl was ihr soziokulturelles Verhalten als auch ihr Konsumentenverhalten betrifft. Zwar wird es auch diejenigen geben, die früh schwach und krank sind. Aber überwiegend werden die Menschen länger „jung“ bleiben, sich zunehmend länger fit halten und in unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereichen neuartige Trends setzen, auch in Geschäftsfeldern wie Ernährung, Sport, Reisen, Fitness. Das trifft auch auf die gesundheitliche Versorgung zu. Hinzu kommt, dass Patienten ihre Versorgung zunehmend selbst in die Hand nehmen. Sie kennen sich immer besser im Umgang mit dem Internet aus und nutzen es regelmäßig für Informationen und zum Kauf, was jedoch auf dem heilberuflichen Sektor die Gefahr birgt, unbekannten Scharlatanen aufzusitzen.
Gerade in diesem Markt mit zunehmender Eigenverantwortung und Gesundheitskompetenz des Kunden liegt die Chance der Apotheken in ihrer fachkundigen und glaubwürdigen Beratung, so die Zukunftsforscherin. Dies wird vor allem bei den sogenannten OTC-Arzneimitteln immer wichtiger. OTC ist eine Abkürzung und heißt soviel wie „über die Ladentheke“. Dabei handelt es sich um frei verkäufliche, apothekenpflichtige, aber nicht verschreibungspflichtige Medikamente. Und auch hier wird der Markt sich immer mehr dahingehend entwickeln, das Angebot individuell auf die Vielfältigkeit der Kundenbedürfnisse auszurichten und die Gesundheitskompetenz der Kunden dahingehend zu sensibilisieren. Das geht nur im Dialog mit dem Apotheker.
Moderator Ralph Erdenberger hatte für die Podiumsdiskussion zum Thema „Qualität als Wettbewerbsfaktor“ den Rat seiner kleinen Tochter eingeholt, die immerhin schon wusste, dass es in der Apotheke nicht nur Traubenzucker, sondern auch gute Ratschläge für die Mama gibt. Dennoch geht es nicht nur um Ratschläge. Auf dem Gesundheitsmarkt herrscht Wettbewerb. OTC-Produkte werden auch in Internetapotheken angeboten. „Der Verbraucher will immer wissen, ob die Preise in Ordnung sind“, sagt Kai Helge Vogel, Referent für Gesundheit in der Verbraucherzentrale NRW. Ein Verbraucher, so der Fachmann, wird sich zunächst einmal informieren, sowohl im Internet, als auch in der Apotheke vor Ort. Daher ist gerade auf diesem Sektor eine fundierte Beratungstätigkeit sehr wichtig.
Prof. Dr. Wolfgang Goetzke von der Europa Fachhochschule Fresenius, Koordinator der Gesundheitsregion Köln/Bonn, sieht den Apotheker auch in einem Leistungsspagat. Einerseits muss er seiner Kernaufgabe als Heilberufler gerecht werden und andererseits ist er bei den OTC-Arzneimitteln eher dem Wettbewerb unterworfen. Beratung ist ein wichtiges Standbein im Wettbewerb. Im OTC-Bereich spricht der Forscher sich jedoch mit Blick auf den internationalen Apothekensektor und die Gesetze der Marktwirtschaft für mehr Innovations- und Experimentierfreudigkeit aus.
Ein Argument, dem sich Wilfried Jacobs, Vorstandsvorsitzender der AOK Rheinland / Hamburg mit Blick auf die heilberufliche Tätigkeit der Apotheker und das wichtige Beratungsgespräch mit dem Kunden nicht zu öffnen vermag. Auch für Thomas Preis vom Apothekerverband Nordrhein steht fest: „Die Apotheker sind zuerst dem Patienten und der Gesundheit des Patienten verpflichtet“ und nicht ausschließlich der Gewinnmaximierung.
Im Fazit der Diskussion stand ein hoffnungsvoller Ausblick auf die Zukunftsperspektiven der öffentlichen Apotheken, wenn diese ihr umfangreiches pharmazeutisches Wissen und ihre qualitätsgesicherten Dienstleistungen den Verbrauchern künftig noch klarer vermitteln und sich vor Ort zunehmend aktiv in die Gesundheitsnetzwerke mit einbringen.
In Studien hat man nachweisen können, dass ein gleich dosiertes Arzneimittel nicht bei jedem Patienten identisch wirkt. Eindrucksvoll schilderte Prof. Dr. Theo Dingermann vom Institut für pharmazeutische Biologie der Goethe-Universität Frankfurt/Main, welche Auswirkungen eine Arzneimittel-Unverträglichkeit auf den menschlichen Organismus haben kann. Im Extremfall kann ein Medikament oder dessen falsche Dosierung sogar zum Tode führen. Wie ein Arzneimittel wirkt, ist abhängig von den genetischen Anlagen, die ein Mensch in sich trägt. Im Rahmen der Prädiktiven Gendiagnostik hat man Tests zur Gen-Bestimmung entwickelt, mit deren Hilfe sich Vorhersagen über die Wirksamkeit von Arzneimitteln treffen lassen.
Es ist vorstellbar, so Professor Dingermann, dass Apotheken in naher Zukunft für ihre Kunden solche Tests durchführen lassen oder, wenn die entsprechenden Einrichtungen zur Verfügung stehen, selbst diese Tests durchführen können. Den Kosten für einen solchen Test in Höhe von zur Zeit etwa 300,- Euro stünde insgesamt eine Kostenersparnis auf dem Arzneimittelsektor von 20 Prozent gegenüber. Ein Argument, so der Wissenschaftler, dem sich die Krankenkassen nicht verschließen sollten. Für die Apotheken wäre dies eine zukunftsträchtige Chance, um ihre Kunden durch eine noch qualifiziertere Beratung binden zu können.