Prädiktive Medizin – Auch Diabetes-Patienten können profitieren

 

Die European Association for Predictive, Preventive and Personalised Medicine – kurz: EPMA – wurde im vergangenen Jahr gegründet und veranstaltete im November 2008 ihren ersten internationalen Workshop über Sinn und Zweck der vorhersagenden Diagnostik in der Medizin in Brüssel. Pünktlich zum Weltdiabetestag folgte am 13./14. November 2009 der zweite Workshop. Als einzige Patientenorganisation war der Deutsche Diabetiker Bund Nordrhein-Westfalen unter den Teilnehmern. Fazit: EPMA hat ein gut funktionierendes Netzwerk zur Verbreitung seiner Ziele aufgebaut. Europaweit sind Zentren für Prädiktive Medizin gebildet worden. Die länderspezifischen Unterschiede in Europa machen es dennoch nicht leicht, die Inhalte Prädiktiver Medizin allen politischen Gremien und Finanzgebern, und nicht zuletzt auch den Patienten immer deutlich zu machen.

 

Professor Dr. Olga Golubitschaja, Generalsekretärin von EPMA und Leiterin der Abteilung Molekulare/Experimentelle Radiologie der Universitätsklinik Bonn, hatte ihre wissenschaftlichen Kollegen aus dem europäischen und außereuropäischen Raum zu diesem Workshop eingeladen mit dem Ziel, Erfahrungen darüber auszutauschen, in welchem Maße die Ziele von EPMA in den einzelnen Ländern seit dem letzten Workshop angenommen und umgesetzt werden konnten. EPMA hat es sich zur Aufgabe gemacht, vorbeugende Diagnosemaßnahmen möglichst frühzeitig und individuell bei den Patienten zur Anwendung zu bringen. Bei einer Vielzahl von Erkrankungen – am meisten verbreitet hiervon sind Brustkrebs, Diabetes Mellitus Typ 2 und Glaukom – könnte dadurch früh genug präventiv behandelt und Schlimmeres vermieden werden.

 

 

Komplexe Sachverhalte koordinieren

 

Vorsorgeuntersuchungen, wie sie betrieben werden, haben aus Sicht der prädiktiv arbeitenden Wissenschaftler oftmals nur eine einseitige diagnostische Wahrnehmung. Der Organismus ist jedoch ein komplexes System, das auf mehreren Ebenen erfasst werden sollte, um genaue Diagnosen stellen zu können. Zum einen wurden spezielle Biomarker entwickelt, die eine vorhersagende Diagnostik ermöglichen. Auf der anderen Seite spielt es jedoch auch eine entscheidende Rolle, wie die dem Patienten verabreichten Arzneimittel auf den menschlichen Organismus und seine genetische Beschaffenheit wirken. Und nicht zuletzt stehe am Ende die Frage nach der Lebensqualität des Patienten. Nur unter Berücksichtigung all dieser Faktoren ist eine individuelle vorausschauende Behandlung von Patienten möglich.

Bei allen umsetzbaren Möglichkeiten muss jedoch auch überlegt werden, wie viele Tests notwendig sind und was bezahlbar ist. Auch diese Fragen gilt es für EPMA zu klären. Hierzu ist es erforderlich, dass Experten aus allen Bereichen wie beispielsweise der Labormedizin, Bioinformatik, aber auch aus Industrie, Versicherung und Risikomanagement zusammenarbeiten. Ziel ist es auch, europaweite Datenbanken aufzubauen, die Prädiktive Medizin unterstützen können.

 

 

Länderübergreifende Erfahrungen im Netzwerk

 

Gastredner Professor Hiroyasu Iso von der Universität in Osaka, Japan, zeigt am Beispiel der Umsetzung präventiver Maßnahmen zur Vorbeugung Koronarer Herzerkrankungen (KHK), dass Japan die Ziele von EPMA im Prinzip bereits umgesetzt hat. Japan ist neben Indien, Israel, Taiwan und der Türkei eines der assoziierten außereuropäischen Länder, die sich der Initiative von EPMA angeschlossen haben. KHK, so Professor Iso, ist eine Lebensstil-Erkrankung genauso wie Diabetes und das Metabolische Syndrom. In Japan hat man sich die Leitlinien der Fachgesellschaften für Bluthochdruckerkrankungen, Fettstoffwechselstörungen, Diabetes, Schlaganfall und KHK im Rahmen von Präventionsmaßnahmen zunutze gemacht. Überall in Städten und Schulen hängen Banner oder Plakate mit Hinweisen über die Risikofaktoren dieser Erkrankungen. Weitere Maßnahmen sind Bewegungsaktivitäten und Kapitel zur Gesundheitslehre in Schulbüchern. Auch Kochkurse für Schüler werden angeboten. Die positiven Ergebnisse schlagen sich nicht nur im besseren Gesundheitszustand der Patienten, sondern auch in den niedrigeren Kosten der nationalen Krankenversicherung nieder.

In den europäischen Nachbarländern wurden die Netzwerk-Kontakte der EPMA-Vertreter breit gefächert. In den meisten Ländern wurden neben Forschungs- und Laboreinrichtungen, Industrie-Organisationen und Versicherungen vor allem auch Regierungsstellen und Ministerien sowie bestehende Patientenorganisationen angesprochen. Als problematisch stellte sich heraus, dass EPMA nicht von allen Regierungen anerkannt wird, da man dort den Sachverhalt aus einem anderen Blickwinkel heraus betrachtet. Dabei stehe die Behandlung bestehender Krankheiten im Vordergrund, nicht die Prävention. Anders als in Deutschland, wo die Frage der Finanzierbarkeit im Vordergrund steht, geht Österreich beispielsweise mit gutem Beispiel voran, wo sich gleich mehrere Ministerien in das Netzwerk von EPMA einbringen wollen. Als wichtigen Meilenstein zur Anerkennung der EPMA-Aktivitäten ist vor allem aber das Treffen der Wissenschaftler mit Vertretern der Vereinten Nationen und der Weltgesundheitsorganisation zu sehen, zu sehen, das am 8. Dezember 2009 in Genf stattfand.

 

 

Ethische und wertbesetzte Fragen klären

 

Über allen Aktivitäten von EPMA, seine Ziele zu verwirklichen und ein länderübergreifendes Netzwerk aufzubauen, dürfen grundlegende Inhalte nicht außer Acht gelassen werden. Darauf wies Professor Dr. Heinz Lemke von der Technischen Universität Berlin am zweiten Tag des Workshops in seinem Vortrag eindringlich hin. Allen Anwendern sollte vor Augen geführt werden, was Prädiktive Medizin per Definition ist, welche Standards und Methoden sie anwenden und welchen ethischen Leitlinien und Werten diese Medizin folgen sollte. Gerade diese Punkte werden Patienten-Organisationen wie der Deutsche Diabetiker Bund zum Wohle der Betroffenen auch weiterhin kritisch verfolgen.

 

 

Nutzen für Diabetes-Patienten

 

Für Diabetes-Patienten könnte Prädiktive Medizin vor allem bedeuten, dass ihr Risiko für bestimmte Folgeerkrankungen vorhersagbar wird. Entsprechend können gezielte Präventionsmaßnahmen eingesetzt werden, um diesen Folgeerkrankungen möglichst lange vorzubeugen. Andererseits ist es bedeutsam, die Wirkung bestimmter Medikamente zur Einstellung des Diabetes, aber auch zur Behandlung anderer vorhandener Erkrankungen auf den Organismus des Patienten abzuklären, um schlussfolgernd die für das Individuum bestmögliche Therapie zu finden. Laut Professor Golubitschaja können dadurch, bezogen auf die genetische Beschaffenheit des individuellen Organismus, Medikamente wirkungsvoller beim Betroffenen zum Einsatz gelangen.

Ursula Breitbach

 

weiter Informationen: http://www.epmanet.eu/.